Der Roman ist − gegenüber der pointierteren Novelle und der Kurzgeschichte − im Spektrum der literarischen Gattungen, das sich seit dem 17. Jahrhundert herausbildete, die Langform der schriftlich fixierten Erzählung.

Fiktionalität wird oft als Definitionsmerkmal genannt, ist jedoch keine Voraussetzung. Erzählungen werden in dem Moment als Romane betrachtet, in dem ihre Erzählkunst, ein vergleichsweise vertraulicher Umgang mit dem Leser, oder ihre „tiefere Wahrheit“ vorrangig gewürdigt werden. Der Roman verliert – so lässt sich seine Fiktionalität definieren – gegenüber der wahren Historie nichts an Qualität, wenn seine Geschichten erfunden sein sollten. Prosa wurde in Westeuropa erst im 16. Jahrhundert bestimmend. Das Wort selbst bindet den europäischen Roman ausdrücklich auf die in „romanischer“ Sprache verfassten Versdichtungen des 12. und 13. Jahrhunderts zurück. Über die altfranzösische Artusepik verlief im 14. Jahrhundert in Europa der Schritt vom Vers- in den Prosaroman.

Das Moment der schriftliche Fixierung lässt technologische Voraussetzungen gattungskonstitutiv werden, es erklärt gleichzeitig spezifische Entwicklungen der Gattung. Der Umbruch vom Vers- zum Prosaroman vollzog sich in Westeuropa in dem Moment, in dem Papier gegenüber dem Pergament als billigeres Medium verfügbar wurde. Versepen zirkulierten in repräsentativen Prachthandschriften. Prosaversionen derselben Epen legten die stille Lektüre nahe und verkauften sich darum besser in billigen, auf auf den Einzelkunden ausgerichteten Handschriften. Die Vereinzelung des Lesers wurde vom Buchmarkt aufgefangen. Der Kunde des gedruckten Romans weiß, dass der von ihm erworbene Gegenstand als Massenware soeben auch von anderen Lesern gelesen wird. Die Frage, welche Erfahrung andere Leser in ihren privaten Lektüreräumen machen, wird ein entscheidender Reiz des Romans. Die Ausgestaltung intimer Lesererlebnisse, der Verrat intimer Geheimnisse, prägen den Roman stärker als an andere Erzählgattungen – das trifft auf europäische Prosaromane des 17. Jahrhunderts ähnlich zu wie auf japanische des 11. Jahrhunderts.

Zur weltweit gewürdigten „literarischen“ Gattung wurde der Roman in den zwei großen Auseinandersetzungen, die er auf dem westeuropäischen Buchmarkt zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert auf sich zog. Die erste führte im Verlauf des 17. Jahrhunderts zur Abwertung des Ritterromans und – vorübergehend – zu einer Aufwertung der europäischen Novellistik. Dass im Spanischen und Englischen heute die Worte „novela“, „novel“ den langen „Roman“ statt die kurze „Novelle“ bezeichnen, resultiert aus dieser Auseinandersetzung. In beiden Sprachen überlebte der auf die Kurzform gemünzte Begriff den anschließenden Entwicklungsschub, in dem der lange Roman seinen gattungsgeschichtlichen Vorrang zurückgewann.

Die weit größere Legitimationskrise, in der der Roman mit der Bewältigung der ersten geriet, wird von der Literaturwissenschaft in der Regel nicht als solche wahrgenommen. Der Roman stieg, so die literaturwissenschaftliche Perspektive, ganz im Gegenteil, im 18. Jahrhundert in eine Höhe auf, in der er der Literaturbetrachtung endlich würdig wurde. Pierre Daniel Huets Traktat über den Ursprung der Romane machte die Gattung 1670 zum Gegenstand einer erst einmal eleganten Bildung in den belles lettres. Im 18. Jahrhundert wurde sie als Pendant des modernen Trauerspiels diskutabel. Die Kritik verlangte ihr dabei allenfalls ab sich aus der alten Beheimatung unter den historischen Schriften herauszulösen. Einer solche Beheimatung gegenüber wertete sie die Kunst des Fiktionalen, die literarische Qualität auf. Während der Roman des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluss der kurzen Erzählgattungen in die wahre Historie ausgriff und romanverdächtige Autobiografien, möglicherweise fingierte Reiseberichte und, mit dem Briefroman, potenziell fiktionale Briefsammlungen hervorbrachte wird der als Literatur gewürdigte Roman im 19. Jahrhunderts im Blick auf die geniale Gestaltungs- und Erfindungskraft seines Autors diskutabel. Das Ergebnis der Würdigung als Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert eine Marktdifferenzierung, in der hohe Literatur niederer Trivialliteratur gegenübersteht, in den Bereich letzterer fallen fast ausnahmslos Romane.

Mit der Einrichtung der nationalen Philologien und dem Aufbau des moderenen Literaturdiskurses, in dem prestigeträchtige Preise wie der Nobelpreis für Literatur oder der Booker Prize gezielt an Romanautoren gehen, verfestigte sich die Stellung des Romans im Spektrum literarischer Gattungen wie die Forderung einer verantwortungsbewussten Kunst für die namhafte Autoren einstehen. Der Roman hatte sich demgegenüber gerade als Gegenstand anonymer Autorschaft entwickelt. Nationale Literaturgeschichten legen seit dem 19. Jahrhundert eine Gattungsgeschichte nahe, die sich als Geflecht nationaler Traditionslinien entfaltet, und in der ein Ringen um nationale Kunst des Romans in den Vordergrund gerät.

Quelle: Wikipedia